Mittwoch, 1. August 2012

Essfest

Das vergangene Wochenende stand ganz im Zeichen von Barbecues. Am Samstag gabs erst einmal eine große Grillparty hier bei uns in der Brabourne Road, bei der inklusive uns 17 Leute anwesend waren. Nachmittags waren wir erst noch ein wenig in Sorge, dass der Abend doch noch ins Wasser fallen würde, da es plötzlich anfing, wie aus Eimern zu schütten. Das kleine Unwetter war allerdings nach knapp zehn Minuten schon wieder vorbei und alles konnte wie geplant stattfinden. Bis kurz vor Beginn unserer kleinen Party hatten wir zwei auch noch allerlei zu tun, denn wir hatten ja versprochen, einen Möhren- und einen Obstsalat vorzubereiten. Also haben wir geschnibbelt und geraspelt was das Zeug hielt, um auch ja alles rechtzeitig fertig zu bekommen. Während Claire und Martin draußen noch die letzten Vorbereitungen trafen, haben wir Chauffeur gespielt und ihre Freundin Shala von der Southland Station abgeholt. Nach und nach trudelten dann auch die übrigen Gäste ein und es war einfach nur schön, noch einmal all diejenigen um uns zu haben, die wir zwei Jahre lang so furchtbar vermisst haben. Aber es waren auch ein paar neue Gesichter dabei: zum Einen Carmen, die neue Nachbarin, deren Freund zurzeit in London verweilt, weil er einige Leichtathleten bei Olympia trainiert, zum Anderen Mauricio, der ehemalige Mieter von Ghislaine und Jan, der ursprünglich aus Brasilien stammt, nun aber schon seit längerem in Calgary lebt. Jan hat aber wieder einmal den Vogel abgeschossen! Nachdem Juli so gut wie gar nicht von ihm begrüßt worden war, habe ich die Initiative ergriffen und Hallo gesagt. Daraufhin stand er auf und sagte: "Hello, I'm Jan." Ich: "Yes, I know who you are." Jan: "Eh.... German girl?!.... I don't know your name...". Typisch Jan! Natürlich musste ich Juli sofort davon berichten. Als sie dann zu ihm ging und fragte, ob er ihren Namen denn noch wüsste, sagte bzw. fragte er bloß: "Lisa?!". Naja, halb daneben ist auch vorbei. Aber wir nehmen es ihm ja nicht übel. Zu später Stunde wurde es immer lustiger mit ihm. Nachdem Scott wieder den  Begriff 'Überschnauzer' (Erklärung im Blog von Nov. 2009) erklärt und Jan diesen als "Topdog" ins Englische übersetzt hatte, ging es auf einmal darum, dass unsere Angie M. ja bald nach Kanada kommen würde. Als Peter dann wissen wollte, ob sie nun Kanzlerin oder Präsidentin sei, meinte Jan bloß ganz trocken, dass sie die "Topbitch" sei. Dies sorgte natürlich für schallendes Gelächter und ihr dürft euch jetzt aussuchen, welche der beiden Übersetzungsmöglichkeiten ihr für euch wählt. Viel Spaß :-) Danach hat er uns noch viele wilde Geschichten von Bären und Cougars erzählt und auf einmal ging es dann um die Ultimate Fighting Championship und die Tatsache, dass es dabei ja sogar erlaubt sei, seinem Gegner zwischen die Beine zu treten. Jetzt stellt euch mal einen ganz enthusiastischen Jan mit französisch-niederländischem Akzent vor, wie er total begeistert sagt: "You are even allowed to kick your rival in the balls!". Was haben wir gelacht!






Auch Louise hat uns an diesem Abend wieder auf Trab gehalten. Nachdem sie anscheinend keine Lust mehr hatte, den flüchtenden Tieren hinterher zu laufen, wollte sie mit uns schaukeln. Gesagt, getan - rauf auf die Schaukel. Mal mit Louise, mal ohne, mal nur sie. Dann hatte sie plötzlich den grandiosen Einfall, Juli und mich auf der Schaukel anzuschieben und was soll ich sagen, sie hat es sogar geschafft. Was für ein Kind! Julis Kamera hat erneut ihr Interesse geweckt und so hat sie wieder wild durch die Gegend fotografiert. Dabei sind allerdings Bilder herausgekommen, die auch wir nicht hätten besser machen können. Später musste ich einen kleinen Trick anwenden, damit sie ihr Obst isst: jedesmal, wenn etwas auf dem Löffel lag, habe ich ihr gesagt, dass sie es schnell essen müsse, weil Juli es ihr sonst wegnimmt. Von da an war der Nachtisch ein Kinderspiel! Bei jedem Bissen rief sie dann: "Get it! Get it!" und sie hat sich immer wahnsinnig gefreut, wenn sie das Obst vor Juli 'retten' konnte. Zum Trost hat sie ihr am Ende aber auch noch eine Erdbeere vermacht. Ach ja, Louise... natürlich wollte sie später wieder nicht nach Hause gehen, sondern viel lieber toben und Verstecken spielen. Hoffentlich sehen wir sie noch einmal, bevor wir nächste Woche schon wieder nach Hause fliegen.


Nach dem ganzen leckeren Essen und vor allem dem Alberta Beef waren unsere Bäuche mehr als gut gefüllt und am liebsten hätten wir uns einfach die Treppe runter gerollt - direkt in unsere Betten. Aber da hatten wir die Rechnung ohne den Abwasch gemacht, der uns noch bis Mitternacht aufhielt (trotz Spülmaschine). Wir wollten aber auch nicht, dass Claire die ganze Arbeit selbst übernimmt, also war es eine Selbstverständlichkeit, dass wir ihr dabei halfen, alles wieder tip top herzurichten. 


Eine lange Nacht hatten wir eh nicht vor uns, denn am Sonntag Morgen ging es schon wieder früh weiter. Zunächst haben wir Claire und Martin in die St. Peter's Anglican Church begleitet, wo wir ja damals bereits beim Fall Fair ausgeholfen hatten. Dieses Mal ging es darum, alles für die Verabschiedung der Pastorin vorzubereiten, also hatten wir schon am Samstag mit Claire und Barry Tische und Stühle aufgestellt. Nach dem Gottesdienst am Sonntag (zu dem ich von einem kleinen älteren Herrn mit den Worten "Hey, you have a beautiful smile" begrüßt wurde...) war es schließlich soweit. Alle strömten in den Veranstaltungsraum der Kirche, wo Kaffee, Tee und Sandwiches gereicht wurden, um die Pastorin Helen gebührend zu verabschieden. Claire und Barry hatten sogar Reden vorbereitet, die sie mit viel Charme vortrugen. Man hat ihnen angemerkt, dass sie Helen am liebsten gar nicht gehen lassen würden, denn sie haben auf der Bühne dann doch ein paar Tränchen verdrücken müssen. Am Ende wurden wir von Barry sogar dazu aufgefordert, kurz aufzustehen, damit auch alle die beiden "Girls from Germany" sehen konnten, die so fleißig beim Aufbau geholfen hatten. Daraufhin wurden wir beim Verlassen der Kirche noch von einem Herren angesprochen, den wir auch noch von unserem ersten Besuch hier kannten. Er sagte uns, dass er es schön fände, uns noch einmal wiederzusehen und dass er uns noch ganz viel Spaß für unsere restliche Zeit hier wünsche. Warum können die Menschen eigentlich nicht überall so nett sein?!


Nach einem ausgedehnten Sonnenbad im Garten ging es Abends zum Barbecue bei Ghislaine und Jan. Dieses war mit einem kleinen Fotoshooting verbunden, denn eine Zeitschrift namens Barbecue Galore hatte dazu aufgerufen, ein möglichst originelles Foto mit seinem alten Barbecue zu schießen, um einen neuen Grill plus Möbel gewinnen zu können. Nachdem bereits allerlei Ideen zusammengetragen worden waren, stand fest, dass Claire als Queen auftreten sollte. Jan entschied sich relativ spontan dazu, Albert Einstein zum Besten zu geben. Dazu schmierte er sich etwas ins Haar um den berühmten Struwwel-Look hinzubekommen. Perfektioniert wurde diese Aufmachung durch ein Einstein-Shirt, kurze Shorts, eine die Shorts verdeckende kurze Schürze sowie ein Paar Wellington-Boots. Das sah natürlich zum Schießen aus, aber ich glaube, dass Jan dieses Outfit gar nicht mal so schlecht fand, denn er entschloss sich dazu, selbiges den ganzen Abend über anzubehalten, weil er fand, dass es seine wilde Seite zeige. Bevor wir abends wieder in unseren Mini stiegen, um nach Hause zu fahren, stand Jan - noch immer in voller Montur - mit uns vorm Haus, weil wir noch auf Claire warten mussten. Plötzlich meinte er, dass in naher Zukunft wahrscheinlich alle Menschen einen Computerchip implantiert bekämen, der das Gehirn mit sämtlichen Computern verbinden und dazu führen würde, dass man (fast) nichts mehr lernen bräuchte. So sagte uns der kleine Einstein also in seinem unverkennbaren Duktus: "Then you've got nothing else to do but playing the guitar, singing, and making love - keeping yourself busy." Ach, ihr hättet dabei sein sollen, denn dieser Spruch gepaart mit seiner Aufmachung war in diesem Moment einfach Gold wert.




Der eigentliche Sinn dieses Abends lag aber darin, dass Jans und Ghislaines Enkelsohn Ethan vorgestellt werden sollte. Der Kleine wurde vor knapp einem Monat geboren, aber da Daphne und ihr Mann in Toronto wohnen und nicht mal eben so für einen Besuch hierher kommen können, mussten wir zunächst auf Skype ausweichen, um Klein-Ethan sehen zu können. Und ich kann euch versichern, dass es sich bei ihm wirklich um einen ganz niedlichen kleinen Kerl handelt!


Auch Mauricio war an diesem Abend dabei und er hat uns ein wenig erzählt, wie das Leben für ihn hier in Calgary so läuft. So haben wir erfahren, dass er hier schon einmal aus einem Pub geschmissen wurde, weil er ein Mädchen geküsst hat. Er selbst konnte sich gar nicht erklären, was daran so verwerflich war, denn in Brasilien ist so etwas wohl relativ normal.  Sachen gibt's...!


Juli hatte außerdem eine recht interessante Unterhaltung mit Nanette, die eigentlich von den Philippinen stammt, aber schon seit Langem in Kanada lebt. Sie hat erzählt, dass sie mit ihrem Mann auch schon einmal in Deutschland gewesen sei - in einem kleinen Ort nahe der Hauptstadt. Der Name unserer Hauptstadt fiel ihr allerdings nicht mehr ein und als Juli dann meinte, dass es Berlin sei, sagte Nanette nur, dass es ganz sicher nicht Berlin gewesen sei und auch nicht Frankfurt, sondern diese dritte Stadt im Süden... leider konnten wir nicht mehr herausfinden, welche Stadt sie denn nun meinte. Zu schade, denn wir wüssten wirklich gern, wo denn nun die Hauptstadt von Deutschland liegt und wie sie heißt.

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